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DC2TS  > BLIND    18.04.01 20:31l 111 Lines 6504 Bytes #999 (0) @ DL
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Der folgende Bericht ist in der Zeitschrift "Apotheken Umschau" im 
Frühjahr 2001 erschienen.

Hoffnung für Blinde

Sehen mit den Händen

Forscher der Uni Heidelberg haben ein System entwickelt das Blinden über den 
Tastsinn Scheineindrücke vermittelt: Bilder, von einer Spezialkamera gefilmt, 
werden für sie fühlbar.

Neue Seheindrücke: 
Physiker Prof. Dr. Karlheinz Meier und sein Team entwickelten das 
Sehersatz-System. Ziel ist es, Blinden das Wahrnehmen von 
Hell-Dunkel-Kontrasten oder das Erkennen von konturen zu ermöglichen.

Das neue Gerät:
Tastend sehen: Mit Hilfe moderner Chip- und Computer-Technik lassen sich 
visuelle Informationen so reduzieren, dass sie als Tastpunkte auf einem 
fahrbaren Display übertragen und erkannt werden können.

Im Matthäus-Evangelium macht Jesus einen Blinden wieder sehend. Mit den 
Taten des Zimmermannssohns aus Nazareth will Prof. Dr. Karlheinz Meier 
vom Kirchhoff-Institut für Physik an der Universität Heidelberg seine 
Arbeit jedoch nicht vergleichen. "Wunder vollbringen wir sicher nicht", 
sagt der freundliche Physiker bestimmt.
Doch das Ziel, das sich Meiers Team gemeinsam mit Augenärzten, Neurologen 
und Informatikern gesetzt hat, klingt schon ein bisschen danach: die 
Funktion der Augen durch den Tastsinn ersetzen. Blinde sollen auf diese 
Weise optische Eindrücke gewinnen :und sich besser im Raum orientieren 
können.
Schon lange träumen Wissenschaftler davon, die fünf Sinne des Menschen im 
Labor nachzubauen. Bei Tauben ist es bereits gelungen, ihnen ein künstliches 
Ohr einzupflanzen. Beim Riechen, Schmecken oder Tasten tun sich die 
Forscher dagegen schwerer. Am schwierigsten ist es vollständig zu ersetzen. 
Auf bislang unbekannte Weise sortiert und verschlüsselt dieses biologische 
Wunderwerk mit seinen hundert Millionen farbempfindlichen Stäbchen und 
Zäpfchen die Seheindrücke und wandelt sie in elektrische Impulse um. 
An die zehn Millionen Sehnervenfasern leiten die Signale beim Gesunden über 
den Sehnerv ans Gehirn weiter. Dort werden sie gelesen und im Kopf zu 
einem Bild geformt. Forscher in aller Weit versuchen deshalb, den 
komplizierten Seh-Prozess an verschiedenen Stellen zu manipulieren. 
Die Heidelberger Wissenschaftler gehen dabei einen alternativen Weg, der 
ohne Kopfoperation auskommt: Nach dem Motto "Tasten statt sehen" nutzen 
sie den Tastsinn als Eingangskanal, um visuelle Infos ins Gehirn von Blinden 
zu schleusen. Ihr "Taktiles Seh-Ersatzsystem" besteht aus drei Komponenten: 
einer Mini-Kamera, die derzeit auf ein Brillengestell montiert ist und die 
der Blinde auf der Nase trägt, einem Mini-Rechner, in dem das von der 
Kamera aufgenommene Bild zwischengespeichert und bearbeitet wird, und einem 
tastbaren Ausgabegerät. Dabei handelt es sich um ein Display mit einem 
kleinen Tastfeld für drei Fingerkuppen Kernstücke des "elektronischen Auges", 
wie Meier und seine Kollegen ihre Erfindung manchmal nennen, sind zwei 
Siliziumchips. Der eine steckt als fingernagel-großer Visionchip in der 
Kamera. Auf Ihm haben über 100000 lichtempfindliche Sensoren Platz. Um das 
von der Kamera aufgenommene Schwarzweiß-Bild aber auch für die Finger 
fühlbar zu machen, muss die komplexe Bildinformation zunächst drastisch 
reduziert werden. Das erledigt ein zweiter Chip, der ebenfalls von den 
Physikern am Kirchhoff-Institut entwickelt wurde. "Der Bildverarbeitungschip 
reduziert das Bild auf das Wesentliche, berücksichtigt nur noch Konturen und 
Kanten sowie grobe Helligkeitsunterschiede und wandelt das Graustufenbild in 
ein digital kodiertes Kantenbild um", erklärt Professor Meier.
Das so vor verarbeitete Kantenbild wird dann auf das Ausgabegerät überspielt 
und auf einer 23 mal 30 Zentimeter großen Fläche als erhabenes Muster 
dargestellt. Über ein Schlittensystem kann der Blinde diese Fläche 
"online" zur Bildübertragung abfahren. Die Fingerkuppen seines 
Ring-, Mittel- und Zeigefingers liegen dabei auf einem Feld mit 
48 Tastpunkten auf. Wie Stempel werden sie je nach Grauwert des einzelnen 
Bildpunktes automatisch angehoben oder abgesenkt. Die Tastpunkte zeigen 
den Fingern immer nur den Ausschnitt an, der der aktuellen Position des 
Schlittens entspricht. Deshalb sprechen Fachleute auch von einem virtuellen 
taktilen Display.

"Durch Abfahren der Fläche mit dem beweglichen Schlitten wird das Bild fast 
zeitgleich auf die Fingerkuppen  projiziert und im Kopf des Benutzers zu 
einem Bild zusammengesetzt", erklärt Thorsten Maucher. Der Diplomphysiker 
hat den Prototyp des virtuellen taktilen Displays gebaut und bastelt derzeit 
an einer neuen, noch handlicheren Version.

Den Prototyp hat er bereits mit Schülern der Blindenschule in 
Bad llvesheim getestet. "Die Schüler waren ganz begeistert", sagt Maucher, 
"weil ihnen das Gerät eine neue Dimension des Sehens eröffnet hat." 
Selbst wenn das "Fühlbild" keine Farben übermittelt, wackelt und unsere 
SD-Welt nur zweidimensional in unscharfen Konturen darstellt. Und der 
Vergleich mit Sehenden zeigte: Blinde verfolgen zwar andere Strategien 
beim Erkennen von geometrischen Figuren, sie sind mit dem Tastschlittern 
aber etwa doppelt so schnell wie Sehende mit dem Gerät.
Noch wissen die Wissenschaftler jedoch nicht genau, wie mit dem Tastsinn 
im Detail Informationen übermittelt werden. Erst mit diesem Wissen ließe 
sich der Sinnesorganes atz fürs Auge optimieren und für die Übermittlung 
von Seheindrücken besser nutzen. "Es sind noch immer viele Fragen offen", 
räumt Professor Meier ein.

An der Straßburger Universität überprüfen Wissenschaftler deshalb derzeit 
mit speziellen bildgebenden Verfahren, welche Areale im Gehirn beim Tasten 
und Fühlen aktiviert   werden. "Daraus lassen sich sicher hilfreiche Schlüsse 
für unsere weitere Forschungsarbeit ziehen", ahnt Meier. Mehr noch:
Sehr empfindliche Tastrezeptoren sitzen nicht nur an den Fingerkuppen, 
sondern auch auf der Zunge oder am Bauch. "Auch das birgt ungeahnte 
Möglichkeiten für zusätzliche Orientierungshilfen für Blinde, aber auch für 
Feuerwehrleute in verrauchten Räumen oder für Taucher in dunklen Gewässern", 
meint der Chip-Experte.

Doch das ist Zukunftsmusik. Näher liegt der Gedanke. dass Blinde das 
taktile Display künftig in Schulen im Geometrieunterricht oder als 
Zeichenprogramm nutzen und es ihnen den Internet-Zugang erleichtert. In der 
Testphase befindet sich auch ein einfaches Videospiel für Blinde, das auf 
diesem System basiert.


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