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DC2TS  > BLIND    07.11.99 11:32l 108 Lines 6003 Bytes #-9819 (0) @ DL
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Liebe Leser, 
vielleicht können wir Sehenden uns besser in die Lage versetzen, wenn
wir uns Gedanken machen, wie Blinde zum Beispiel einen Restaurantbesuch
erleben.
Deshalb habe ich diesen Zeitungsbericht abgetippt.
Herzliche 73 von Martin DC2TS

Hier ein Zeitungsbericht aus der Südwestpresse vom 6. November 1999
Essen in der Finsternis: Redakteur Henrik Wilhelm hat es ausprobiert.

Selbsthilfe
Ein Restaurant, in das kein einziger Lichtstrahl fällt

Blinde öffnen Sehenden die Augen

Die Sinne erfahren beim Essen im Dunkeln eine neue, intensive Dimension -
Schneller Kontakt mit Fremden
Essen in absoluter Finsternis. Im Züricher Restaurant "Blindekuh" ist es
möglich.
In dem Selbsthilfprojekt zeigen Blinde Sehenden einen Teil ihrer Welt. Essen
wird zu einer neuen Erfahrung. Ein Erlebnis für die Sinne. Ausser für die
Augen.

Zürich. "Da ist dein Stuhl. Nimm Platz". Kein Stuhl zu sehen. Nichts ist zu
sehen. Dunkelheit. Fast wie in einer Geisterbahn. Da leuchten wenigstens die
Gespenster. Hier fällt kein Lichtstrahl ein. Die Augen offen und doch blind.
Die "Blindekuh" in Zürich. Ein Restaurant, das Blinde und Menschen mit starken
Sehbehinderungen führen. Von 17 MItarbeitern haben nur vier gesunde Augen,
darunter der Koch.
"Auf die Idee kamen wir voriges Jahr, als der Frankfurter Künstler Andreas
Heinecke in Zürich seine Ausstellung "Dialog im Dunkeln" präsentiert hat",
sagt Stefan Zappa, von von der Stiftung Blind Licht, die das Restaurant im
September eröffnet hat. Heinecke stellte Installationen im Dunkeln aus.
Besucher wurden von Blinden geführt, mussten die Kunstwerke ertasten. Das
müsste auch mit einem Lokal möglich sein, waren sich Zappa, der auf dem linken
Auge blind ist und auf dem rechten sehr schlecht sieht, und Freunde einig.
Die Idee für die "Blindekuh" war geboren.
Da drückt etwas gegen den Oberschenkel. Muss der Stuhl sein. Die Hände greifen
danach. Tasten sich an der Lehne entlang, rutschen an den Seiten runter,
suchen die Sitzfläche. Sie weist die Richtung zum Tisch. Die rechte Hand hält
den Stuhl. Die linke sucht den Tisch, seine Kante, die Oberfläche.
"Klappts"? Stefan Zappa, der mich, meine Hand auf seiner Schulter liegend,
durch eine Lichtschleuse aus schwarzen Vorhängen aus dem hellen Foyer in den
schwarzen Raum geführt hat, sitzt schon.
"Wir wollen hier nicht die Welt der Blinden zelebrieren und Mitleid haschen"
sagt Zappa. Blinde sind Spezialisten der Dunkelheit. Sie sehen mit anderen
Sinnen. Das wollen wir den Menschen mit intakten Augen zeigen. Für sie wird
der Besuch zu einer Entdeckungsreise. Sie erfahren ihre Sinne neu. Müssen sich
in der Welt der Blinden zurechtfinden. Für die wiederum wird hier ihre
Behinderung zur Qualität."
Geschafft. Dem Klang seiner Stimme nach sitzt mir Zappa gegenüber. Am äusseren
Ende eines Sechsertisches. Neben uns unterhalten sich zwei Paare. Zappa stellt
uns vor, sie nennen ihre Namen. "In einem normalen Lokal setzt sich kaum jemand
an einen Tisch, an dem schon Gäste sitzen, hier bleibt dir nichts anderes
übrig", sagt Zappa. Kein Platz für Berührungsängste. Alle sind gleich.
Mit Hilfe von Sponsoren und Spenden wurde das Lokal, eine ehemalige Kapelle
eingerichtet. Eine Million Mark schluckte der Umbau.
Schwierigste Übung: Die Verdunkelung. Mit dicken, innen angebrachten
Fensterläden und Vorhängen ist es gelungen.
Die "Blindekuh" Selbsthilfeprojekt, mit dem Arbeitsplätze für Blinde
geschaffen werden. "Die Mitarbeiter sind begeistert", sagt Zappa. Erstmals
haben sie eine Arbeit, bei der sie ihre Behinderung nicht als solche
wahrnehmen. Es ist eine Umkehrung der Realität. Weil sie es sind die sich
plötzlich auf sicherem Terain befinden. Wie Claudia Gatti. Sie war
Telefonistin, bevor sie hier als Kellnerin angefangen hat. "Erst war es mir zu
laut hier" sagt sie. Ihre Ohren sind sensibler als die Sehender, neben dem
Tastsinn sind sie ihr wichtigster Orientierungssinn.
"Ich fühlte mich, als ich mit Tellern beladen durch die Reihen ging, als hätte
ich verbundene Augen", sagt die Blinde, inzwischen hat sie sich eingewöhnt.
Sie mag ihre Arbeit.

Ein leichtes Tippen

Sie bietet Lachsravioli oder Polenta mit Champingnonsosse an. Als Vorspeise
empfiehlt sie einen griechischen Salat. Käsefondue wird es hier natürlich
nicht geben, witzelt Zappa.
Ein Tippen auf der Schulter. Gatti bringt den Salat, eine Flasche Sprudel,
zwei Gläser. Sagt Sie. Geräusche auf dem Tisch. Klänge die im Hellen unbewusst
wahrgenommen werden. Zappa öffnet die Flasche. Jede Drehung des Deckels in den
Kerben des Flaschenhalses ist zu hören. Zappa giesst ein. Die Kohlensäure
rauscht in den Gläsern wie in einem Werbespot. Zappa führt meine Hand zum Glas.

Die "BlindeKuh" ist mehr als ein Restaurant. Es gibt Konzerte, Lesungen,
einmal im Monat eine Sonntagsmatinee. Ausserdem gibt es Wahrnehmungsseminare
für Jugendliche, Auszubildende in Pflegeberufen und Manager-Training. "Alles
im Dunkeln", betont Zappa.
Gelehrige Hände. Während die Linke nach dem Salatteller tastet, suchen die
Finger der Rechten die Gabel. Finden die Zinken, den Griff, umklammern ihn,
stechen den Fund in den Salat, führen tatsächlich ein Salatblatt zum Mund. Die
Lippen öffnen sich erst nach kritischem Schnuppern der Nase und einem Tasten,
das einem Kuss gleichkommt. Die Anspannung fällt mit jedem Biss. Als Gatti die
Ravioli serviert, ist Essen im dunkeln die natürlichste Sache der Welt. 
Helles klirren am Nebentisch. "Wollen wir auch mal?", fragt Zappa.
Wie von Geisterhand gesteuert finden sich unsere Gläser. Stossen behutsam
aneinander. "Zum Wohl".
Ohne anzuecken führt uns Zappa nach dem Essen wieder hinaus. In den mit roten,
grünen und gelben Einlegearbeiten verzierten Jugendstilstern des Foyers
bricht sich das Licht der Oktobersonne.
Die Augen schmerzen.

Info:
Die "Blindekuh" in Zürich ist jeweils dienstags bis samstags von 11 Uhr 30 bis
14 Uhr und von 18 Uhr 30 bis 23 Uhr geöffnet.
Reservierungen unter Telefon 0041-1-421 50 50


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