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DG3KJW > BLIND    21.09.96 21:52l 94 Lines 3805 Bytes #-10976 (0) @ EU
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to BLIND @ EU

 
                                   Bonn, den 21.09.1996
 


Liebe Freunde, 
seit den fünfziger Jahren gibt es Blindenhörbüchereien, die sich
auch heute noch zunehmender Beliebtheit erfreuen. Der Tonträger,
anfangs das Spulentonband, wandelte sich zur Compact-Cassette.
Ich hörte auch von Vorläufern der magnetischen Tonträger, wo
Hörbücher - wohl eher im Ausland - auf Schallplatten
aufgezeichnet wurden.
Seit einigen Jahren läßt mich eine Vision nicht los: Ich sehe ein
kleines, recorder-ähnliches Gerät, in welches der Blinde eine
CD-ROM einlegt, und aus dem Lautsprecher liest eine synthetische
Stimme relativ klar und deutlich einen Buchtext. Eine scheußliche
Vorstellung? Weshalb? Wir scannen uns doch heute bereits Texte
ein und lassen sie über Apollo, Audiobox etc. aussprechen. Wir
haben uns inzwischen so sehr an die künstliche Stimme gewöhnt,
daß wir bereits glauben - so geht es mir jedenfalls - feine
Betonungsunterschiede herauszuhören. Sicher ist das autosuggestiv
zu werten.

Warum soll nicht nach und nach die aufwendige Hörbücherei durch
eine electronische Bücherei abgelöst werden? Die Kosten für die
Sprecherinnen und Sprecher könnten eingespart werden. Die weniger
verschleißanfällige CD-ROM würde das Cassetten-Tape ersetzen.
CD-ROM-Brenner sind auch schon für knappere Geldbeutel
erschwinglich. Sicher bleiben da noch zwei grundsätzliche Hürden:

- Das Copyright der Verlage
- die Hardware beim Leser.

Wenn es die Hörbüchereien bisher geschafft haben, selbst für
flammneue Werke eine Aufsprachegenehmigung zu erwirken, dürfte
das für CD-ROM-Bücher wohl auch machbar sein, zumal es
wirkungsvolle Kopierschutzmaßnahmen gibt. Und da es heute kaum
noch einen Verlag gibt, der seine Texte ohne electronische
Hilfsmittel erstellt, dürfte es auch zu erwarten sein, daß er den
Büchereien die Datenträger gegen eine Schutzgebühr überläßt.

In einem Zeitalter der Miniaturisierung electronischer Nutz- und
Spielzeuge, wo die Leistung eines ehedem
schreibtischfüllenden Rechenmonsters in einer
Zigarettenschachtel Platz findet, ist es sicher zu schaffen, ein
Gerät zu entwickeln, daß klein, handlich und einfach zu bedienen
ist. Was soll es beinhalten? Nicht allzuviel:
- CD-ROM-Laufwerk
- Sprachausgabe und/oder Braillezeile
- simple Bedienelemente für vorwärts, rückwärts, Pause und
   Lautstärke.

Wie schon gesagt, sind die Sprachausgaben, die zur Zeit auf dem
Markt erhältlich sind, Kompromißlösungen. Keine davon kann die
Klarheit und Flexibilität einer menschlichen Stimme ersetzen,
soll sie ja auch nicht. Es wird aber stets weiter an
Verbesserungen gearbeitet, wie das Beispiel Eurovox zeigt.
Ein solches Gerät sollte preiswert herzustellen und für den
blinden Anwender erschwinglich sein. Er wird es zwar nicht für
den Preis eines Henkelmann-Cassetten-Recorders haben können. Doch
es sollte nicht unbedingt seine Haushaltskasse überfordern.

Neben Hörbüchern ließen sich auch weitere Schriften über ein
CD-ROM-Medium verbreiten. Ich denke da an Wochen- und
Monats-Zeitschriften, an Rundfunk- und Fernsehprogramme, an
Kataloge von Hilfsmittel-Anbietern. Bei genügend Phantasie ließe
sich die Liste beliebig erweitern.

Ob meine Vision, die sicher der Entwicklung weit vorausgreift,
ein Traum bleiben wird, weiß ich nicht. Ich wünschte mir nur, daß
sich der Zugriff auf Fachliteratur, Belletristik und Unterhaltung
ein wenig rascher und vielseitiger entwickelt, als dies zur Zeit
der Fall ist.
Viele von uns benutzen einen Scanner und die dazugehöröende OCR.
Schön und gut. Aber wie zeitaufwendig ist es, ein Buch
einzuscannen und von Fehlern zu befreien, bis man es genußvoll
lesen kann!
 
 
Soweit für heute.
Wir bleiben in Verbindung.
 
Ende am - 21.09.1996
 
Vy 73 de DG3KJW@DB0MKA-9
Johannes
 
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