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to BLIND @ DL

Hallo Leute,

da habe ich gerade einen interessanten Bericht in meiner Mailbox gefunden, den
ich gleich hier weitergeben will, da er sicherlich von allgemeinem Interesse
ist

73 de -- Dj5FM -- Werner

*** cut ***

Bericht von der Hilfsmittelausstellung in Marburg
am 3. und 4. Juli 1997

Autor: Stephan Merk

Auch in diesem Jahr lud die Rehabilitationseinrichtung für Sehgeschädigte, kurz
"RES", der Deutschen Blindenstudienanstalt Marburg zu einer
Hilfsmittelausstellung ein. Wie auch im letzten Jahr fand sie wieder in der
großen Sporthalle der Carl-Strehl-Schule statt, in der zahlreiche Firmen ihre
Produkte und Neuentwicklungen vorstellten. Aufgrund der knappen Zeit von ca.
fünf Stunden war es mir nicht möglich, alle Firmen zu besuchen, jedoch konnte
ich mir einen wesentlichen Überblick verschaffen und will auf den folgenden
Seiten über Neuheiten und innovative Entwicklungen berichten.

Aufgrund der neuen Gesundheitsreform wurden auch die Bestimmungen für
Computerlesesysteme verschärft. Somit wird künftig zwischen den Begriffen
"Lesesystem" und "Vorlesesystem" unterschieden. Das Lesesystem wird auch als
"offenes System" bezeichnet, welches einen vollwertigen PC beinhaltet und auch
so in den letzten Jahren finanziert wurde. Das Vorlesesystem ist "geschlossen".
Das heißt, es handelt sich zwar in der Technik um einen PC mit Scanner und
Sprachausgabe, jedoch ist die äußere Form teils "PC-ähnlich", teils
futuristisch designed. Man will so den Benutzer daran hindern, das System als
PC zu nutzen und es nur dem eigentlichen Zweck, dem Vorlesen von Texten,
dienlich zu machen. Während Novotech das jahrelang bewährte Lesefon Mini als
geschlossenes System mit Handscanner und Infovox-Sprachausgabe im Koffer
präsentierte, nahm der Hersteller Hedo den Begriff "geschlossen" sehr wörtlich:
Das etwa 65 cm lange Gehäuse, das den HP Scanjet 4p beinhaltet, soll zwar
künftig kleiner werden, ist aber derzeit ziemlich platzraubend. Dafür verfügt
es über die Talking Blaster-Sprachausgabe und ein speziell angefertigtes
Bedienpult mit sehr großen übersichtlichen Tasten. Gescannte Dokumente können
gespeichert werden. Innovativ ist die Benennung der Dokumente, die per Sprache
erfolgt. Das Gerät zeichnet diese wie ein Diktiergerät auf und spielt sie dem
Benutzer vor. Auch Tieman präsentierte ein geschlossenes System, das aus den
Komponenten Scanner, Rechner und Ziffernblock besteht. Der Rechner verfügt
natürlich über kein Diskettenlaufwerk mehr, dafür aber über eine
Infrarotfernbedienung. Auch das System von der Fa. Etex besteht aus mehreren
Komponenten. Interessant ist hier die gutklingende Softwaresprachausgabe. Der
Text wird direkt in einen Editor gelesen und kann hier gleich bearbeitet
werden. Eine spezielle Funktion ermöglicht das zeitgesteuerte Auflesen auf
Kassette. Die Länge des Bandes wird vorgewählt und das System unterbricht nach
Ende der ersten Seite. Der Hersteller Papenmeier kündigte das bisher
kompakteste Vorlesesystem an, das jedoch leider noch nicht zu sehen war. Bei
der Fa. Baum wurde das jahrelang vertriebene Reading Edge der Fa. Kurzweil
präsentiert. Neben der Vollversion ist die abgespeckte Express-Version mit
weniger Tasten und Funktionen verfügbar. Andere Firmen wissen noch nicht genau,
wie nun das Vorlesesystem geliefert werden soll. Eine große Schwierigkeit ist
die Frage nach dem Diskettenlaufwerk, das ja eigentlich nicht zu einem
Vorlesesystem gehört. Novotech waren die einzigen, die in ihrem
"Krankenkassenmodell" Lesefon Mini ein Laufwerk integrierten. Auf die Frage
hin, ob dies künftig so bleiben wird, sagte ein Vertreter: "Das Lesefon Mini
wurde jahrelang so ausgeliefert und die Krankenkassen haben keine Probleme
gemacht. Warum sollten wir das System ändern?" Michael Rapp von Ludwig Becker
sagte: "Wir wissen es noch nicht genau, wie das Open Book künftig aussehen
wird". Ein Vertreter der Fa. Hedo sagte: "Wir liefern ein geschlossenes System,
das von den Krankenkassen übernommen wird. Wenn jemand ein offenes System haben
will, wird es ein PC mit Scanner sein." Bei fast allen Firmen besteht die
Möglichkeit, gegen Aufpreis einen vollwertigen PC zu erhalten. Die Krankenkasse
finanziert also bis zum Preis des geschlossenen Systems die in der Regel
zwischen 9.000 und 10.000 Mark kosten, der Aufpreis beläuft sich dann zwischen
1.000 und 2.000 Mark.

Auch in der Entwicklung von Braillezeilen wurde man sich langsam einig, daß
Software-Lösungen wohl die bessere Alternative seien. Dies führt zwar dazu, daß
der blinde Computerbenutzer keine Einstellungen im Bios selbst vornehmen kann
und auch im Textmodus ein Treiberprogramm nicht erspart bleibt, jedoch sind
Windows-Lösungen nur auf Softwarebasis möglich. Ein Berater der Fa. Tieman
meint dazu, daß die Entwicklung von Hardwarelösungen einfach zu teuer, und
somit unrentabel ist. Ferner gibt es bislang keine Möglichkeit,
Hardwarelösungen für moderne PCI-Grafikkarten zu schaffen. Viele der
Slave-Karten arbeiten nur mit 8-Bit- oder 16-Bit-Grafikkarten zusammen, die
jedoch auf dem PC-Markt sehr rar sind. Auch altbekannte Hardwarelösungen sind
nun auch als Softwarelösung lieferbar, wie z. B. das 2D-Screen von Papenmeier.
Der Kunde kann wählen, ob er eine mit ca. 1.500 Mark teurere Hardwarelösung,
eine Softwarelösung oder eine Kombination wünscht. Dies gilt auch für die
Multibraille von Tieman. Handy Tech setzt ja seit Jahren schon auf
Softwarelösungen, wie auch die Fa. Alva. Im Bereich der Portablen Braillezeilen
konnte von einem richtigen Boom gesprochen werden. Dies kann damit
zusammenhängen, daß künftig Portable Arbeitsplätze für Studierende bezahlt
werden müssen und die Nachfrage hier steigen wird. Somit konzentrieren sich die
Hersteller hauptsächlich auf 40stellige Modelle. Die Fa. Baum Elektronik
präsentierte eine sehr flache und kleine Zeile, die ich jedoch nicht genauer
betrachten konnte. Überraschend war jedoch, daß Baum von ihren bislang hoch
gelobten Sensortasten Abschied genommen hat. Auch Tieman führte ein neues
Modell vor, daß den großen Brüdern sehr ähnlich sieht. Eine Kante verhindert,
daß das Notebook auf die Cursor-Routingstasten oder die Zeile selbst rutschen
kann. Wie auch in der Alva Delphi-Zeile, die bei Fa. Ludwig Becker vorgestellt
wurde, hat man eine Dolphin Juno-Sprachausgabe in das Gehäuse integriert. Im
Gegensatz zu der Tieman-Zeile zeichnet sich die Delphi durch das doppelte
Cursor-Routing aus, mit deren Hilfe man die Zeile und die Sprachausgabe
getrennt voneinander bedienen kann. Dies macht vor Allem unter Windows sinn, da
man sich so per Sprachausgabe direkt die Attribute und Schriftart etc. ausgeben
lassen kann, ohne, daß der Cursor gleich zu einer anderen Stelle springt. Ein
Problem stellt jedoch die unausgereifte Firmware (Steuersoftware, die in der
Zeile gespeichert ist) dar, die wesentliche Funktionen, wie z. B. den
Stromsparmodus, noch nicht ermöglicht. Dies gilt auch für die 80er-Version. Wie
auch bei der 3er-Serie kann der Benutzer die Firmware selbst erneuern. Die Fa.
Handy Tech präsentierte neben ihrem Modularsystem einen Prototyp einer neuen
40er-Zeile, die im Gegensatz zum Vorgänger nicht mehr auf dem Modularkonzept
beruht. "Die Zeile wird so kleiner und günstiger im Preis. Sie soll nur 7.000
Mark kosten", sagte ein Sprecher der Firma. Man will hier auch Menschen
erreichen, denen eine Finanzierung durch fremde Kostenträger nicht möglich ist.
Allerdings bedarf die Zeile noch einiger Überarbeitung, bevor sie endgültig in
Serie geht. Lang angekündigte Komponenten zum Modularsystem wurden nicht
vorgestellt, jedoch ist eine Punktschrifttastatur erhältlich, die leider aber
nicht gezeigt wurde.
Auch tragbare Spezialcomputer und Notizgeräte wurden vorgestellt. Baum
präsentierte den DAVID, einen Spezialnotebook für Blinde mit 40stelliger
Braillezeile und Sprachausgabe, sowie einer Punktschrifttastatur. Das Gerät ist
aufgrund der Leichtigkeit von 2,5 kg sehr interessant. Papenmeier präsentierte
das Notex Compact, das auch über eine 40stellige Braillezeile verfügt, jedoch
über eine Notebooktastatur mit 84 Tasten.. Bei beiden handelt es sich um
vollwertige Personalcomputer plus Reha-Erweiterungen, die lediglich in ein
Spezialgehäuse integriert wurden. Das Notex ist jedoch deutlich schwerer als
der DAVID. Wem jedoch auch 5 Pfund zu schwer sind, wird am Braille 40 Gefallen
finden, das bei der Fa. Becker gezeigt wurde. Dieses portable Notizgerät, das
zusätzlich auch über eine Sprachausgabe verfügt, bietet mit seinem
Arbeitsspeicher von 4 Megabyte RAM viel Platz für Text. Das Cursor-Routing
verhilft hier auch zum schnellen Arbeiten. Für den Herbst wird auch eine
18stellige Version angekündigt, die den futuristischen Namen Braille 2000
tragen soll. Das Vorgängermodell Braille Lite, leider ohne Cursor-Routing,
konnte auch betrachtet werden, ist jedoch schon etwas älter, aber immer noch
gefragt.

Im Bereich Sprachausgaben und Punktschriftdrucker wurde wenig neues gezeigt,
bis auf weiterentwickelte Software-Lösungen. Zu meiner Überraschung hat Tieman
den Vertrieb der Keynote Gold-Sprachausgabe eingestellt, da diese kein
CE-Prüfsiegel erhalten hat. Die Apollo 2 und Infovox-Sprachausgaben wurden
natürlich ebenfalls gezeigt. Im Bereich Punktschriftdrucker gab es wenig neues,
bis auf die überarbeitete Version des Enabling ET, einem Doppelseitendrucker,
den es bei Beckers zu sehen gab. Er verfügt nun über ein etwas abgerundetes
Design und eine Klappe, die den Lärm vermindert. Dem Kunden soll so eine teure
Lärmschutzhaube erspart werden. Dafür ist der Drucker aber auch um 1.000 Mark
im Preis gestiegen.

Eine Besonderheit stellte die Fa. Handy Tech vor: Ein Lesegerät, nicht größer
als eine Schreibtischlampe. Das Gerät wird mittels Schraubklemme am
Schreibtisch befestigt und nimmt so sehr wenig Platz ein. Durch die eingebaute
Lampe kann es sogar als Leuchte dienen. Die Farbkamera kann separat gedreht
werden, sodaß sie die Schwenkbewegung des Armes ausgleicht. Wird das magnetisch
befestigte Objektiv entfernt und die Kamera im 90-Grad-Winkel gedreht, kann
auch eine Tafel oder ähnliches abgelichtet werden. Das Lesegerät verfügt über
keinen eigenen Monitor, dafür aber über einen Scart-Anschluß, welcher den
Anschluß eines gewöhnlichen Fernsehers ermöglicht. Mit Hilfe einer Videokarte
kann es auch an einen PC angeschlossen werden. Eine optionale Tasche macht das
Gerät auch bedingt tragbar.

Gleich nebenan am Stand der Brailletec wurde die neue Elotype 04 vorgestellt.
Der gründlich überarbeitete Druckkopf, der jetzt mit einem Magnetsystem
betrieben wird, kann aufgrund der neuartigen Technik nicht mehr hängen bleiben.
Zusätzlich verfügt die elektronische Punktschriftmaschine über einen Tastatur-
und Parallelanschluß. Optional kann eine sehr schnelle Schnittstelle
nachgerüstet werden, welche die Vernetzung mehrerer Elotypes ermöglicht, was z.
B. das Erlernen der Punktschrift erleichtern kann. Im Vergleich zu den
Vorgängern ist das Gerät mit 5 kg viel leichter geworden und verfügt nur noch
über ein Steckernetzteil, statt dem bisherigen überdimensionierten Netzgerät.
Bei der mechanischen Version Eurotype gibt es nur noch ein Modell, statt der
bisherigen drei. Technisch hat sich das Gerät nicht geändert. Ferner wurde eine
neue Zeichenplatte vorgestellt, deren Merkmal eine neuartige Haltevorrichtung
der Folie ist. Auch Klassiker, wie die "Britzsche Schreibtafel" im
Postkartenformat oder Schreibtafeln im DIN A4-Format wurden gezeigt.

Da die Ausstellung gut besucht war, konnte das RES auch in diesem Jahr
zufrieden sein. Mich hat jedoch sehr gestört, daß viele neue Firmen, die
vielleicht gerade mal zwei bis drei Jahre auf dem Markt sind, starkes
Konkurrenzbewußtsein haben und der Meinung sind: "Wir können es ja sowieso
besser, als die Alten". Ob dies tatsächlich der Fall ist?

Für Weitere Informationen oder eine unabhängige und kostenlose
Hilfsmittelberatung können Sie sich bei mir schriftlich oder telefonisch melden.

Stephan Merk
Kreutzacker 2
35041 Marburg
Tel.: 06421-37193
E-Mail: Merk@stud-mailer.uni-marburg.de
        s.merk@blista.mr.he.schule.de



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